bin wieder aus dem Urlaub zurück und habe mich noch nicht hier eingelesen. Mal schauen, ob eine Moderation nötig sein wird. Was allerdings Anfangsposts angeht, so werden sich wohl die wenigsten mangels Sticky Sorgen machen, dass sie geschlossen werden.
Da hier ja - ähnlich wie im Gulli:Board viele Datenschützer herumlaufen, möchte ich über dieses Thema hier diskutieren, und zwar anlässlich eines liebevoll abgetippten Artikels aus dem Spiegel Nr. 31/2008:
OK, ist nicht abgetippt, sondern digitalisiert und dann kopiert...
Jetzt müsste es besser zu lesen sein.
Spoiler:
NEUE MEDIEN
Big Brother im Netz
Auf immer mehr Websites werden Menschen an den Pranger
gestellt und denunziert. Die Freiheit des Internet wird
missbraucht, um Unfreiheit zu schaffen. Von Philipp Oehmke
Da stand er nun mit seinem schiefen Lächeln, dem kleinen Bauch und einer Dose Paderborner Pilsner in der Hand und strahlte aus der „Bild“-Zeitung heraus: „Ich bin der ,Rülpser‘ aus der Neustadt“, bekannte der Hamburger Frank Wintjen, 43, in der vergangenen Woche und präsentierte sich als Opfer des sogenannten Internet-Prangers.Aber was heißt Opfer? Zunächst einmal ist es so, dass Frank Wintjen nach eigenen Angaben „gerne mal ’ne Dose Bier“ trinkt
und anschließend offenbar vernehmbar aufstößt. Das stört seine Nachbarn. Früher hätten die Nachbarn nun bei Wintjen geklingelt und sich beschwert; sie hätten vielleicht getuschelt, Zettelchen im Treppenhaus ausgehängt und zur Ächtung des
Rülpsers aufgerufen. Damit hätte Wintjen vermutlich leben können – und weitergerülpst. Was stören ihn diese paar Nachbarn, diese Spießer? Dummerweise haben diese paar Nachbarn heute mit dem Internet eine Waffe in der Hand, mit der sie Wintjen vor aller Welt bloßstellen und seinen Ruf für alle Zeiten ruinieren können. Wintjen scheint das noch nicht begriffen zu haben, sonst würde er in der „Bild“ nicht so siegesgewiss grinsen. Einer der Nachbarn kannte offenbar die amerikanische Internet-Seite Rottenneighbor. Dort lassen sich auf den Stadtplänen von New York
oder Boston, aber – zum Unglück von Wintjen – auch von Hamburg, Berlin oder jedem noch so verlassenen Nest Häuser markieren, in denen angeblich verkommene Menschen oder gar Kinderschänder leben. Jeder kann diese Markierungen eintragen und den Bewohner für ein vermeintliches Fehlverhalten denunzieren. Es gibt niemanden, der die Anschuldigungen überprüft. Dafür Tausende, die sie lesen. Im Fall von Frank Wintjen stand da nun also: „Dauernd das Zischen von Bierdosen; fängt schon morgens an. Dazu noch lautes Rülpsen.“ Wintjen ist jetzt berüchtigt, und er wird es bleiben. Denn im super Elefantengedächtnis des Internet, namentlich der erbarmungslosen Suchmaschine Google, ist er auf Lebzeiten gefangen.
In diesem Gefängnis sitzt er längst nicht allein. Immer mehr Menschen finden sich gegen ihren Willen mit ihrem Foto, ihrem Namen, mit Adresse, Lebensweg und Vorlieben auf Websites wieder, weil sie angeblich gegen gesellschaftliche Normen verstoßen haben oder allgemein für unerfreulich gehalten werden. Auf der Website Flickr sind zum Beispiel Fotos von Menschen zu sehen, denen vorgeworfen wird, zu laut in ihr Handy zu sprechen; auf Dontdatehimgirl warnen Frauen vor
schlechten Liebhabern, und auf PlateWire sind die Nummernschilder von angeblich miesen Autofahrern gesammelt. Wie viel schlimmer alles noch kommen kann, lässt sich an Frank Wintjens berüchtigtster Leidensgenossin erkennen, einem koreanischen Mädchen, das in der ganzen Welt als „Dog Shit Girl“ bekannt ist. Die junge Koreanerin saß mit ihrem Schoßhund in der U-Bahn, als dieser plötzlich seinen Darm entleeren musste. Mitfahrer baten die Hundebesitzerin, den Haufen zu entfernen, doch sie sagte, das gehe niemanden etwas an, und weigerte sich. Das gehört sich natürlich nicht, es ist unfein, ein Verstoß gegen die guten Sitten. Dafür sollte die junge Frau bestraft werden, fand ein Zeuge. Er fotografierte das Mädchen und den Hundehaufen und lud die Bilder auf ein populäres koreanisches Blog hoch. Innerhalb von Stunden waren
die Fotos überall, die Hundehalterin wurde nur noch „Dog Shit Girl“ genannt, und nach ein paar Tagen hatte der Mob ihren
Namen sowie ihre Vergangenheit recherchiert und im Internet veröffentlicht. Die Sache ging um die Welt, die ersten Blogger
warnten, man treibe das Mädchen in den Selbstmord, einer antwortete: „Sie hat verdient, dass ihr Leben zerstört wird, und
sie wird sich schon nicht umbringen, denn sie ist eine dickhäutige Schlampe.“
Spätestens seit den achtziger Jahren galt es als ausgemacht, dass der Feind oben sitzt; dass er von dort auf die Bürger herabschaut, sie beobachtet, ausspioniert: der Staat, der sogenannte Big Brother, der Volkszählungen anordnet, elektronische Personalausweise fordert oder Online-
Durchsuchungen durchführt. Doch der Feind sitzt heute nicht mehr dort oben; er ist nicht der Staat, auch nicht das Marktforschungsinstitut oder die Kreditkartenfirma. Er sitzt unten, in den Reihen der Gesellschaft selbst, in der online
jeder jeden überwachen und denunzieren kann. Der Feind ist ein unbestimmbarer Internet-Mob, der sich selbst aufstachelt
und zur Selbst- und Lynchjustiz greift. Das Paradoxe ist nur, dass dieser Rückfall in vordemokratisches – und auch vorzivilisatorisches – Verhalten ausgelöst wird durch ein Übermaß an Demokratie: Jeder kann mitmachen – das ist die Aufforderung des modernen Internet 2.0, in dem professionelle Inhalte mehr und mehr ersetzt werden durch Beiträge des gewöhnlichen Nutzers, der Blogs schreibt, sich in sozialen Netzwerken präsentiert oder seine Filme auf YouTube zeigt. Das ist zunächst zu begrüßen, denn es macht das Internet vielfältiger, relevanter und aufregender. Gleichzeitig verleiht diese
horizontale Hierarchie dem Netz eine einzigartige Bestimmung: Kein anderes Medium, keine Institution, kein Staat kann
eine derartig aufgeklärte Gleichberechtigung garantieren. Doch schon Horkheimer und Adorno haben in der „Dialektik der
Aufklärung“ jenen berühmten Satz formuliert, der auch hier zum Tragen kommt: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im
Zeichen triumphalen Unheils“, und so tut es auch das vollends aufgeklärte Netz. Frank Wintjen bekommt dieses Unheil
zu spüren, das koreanische Mädchen, aber auch Tausende Lehrer, die im Internet von ihren Schülern geschmäht werden, oder linke Aktivisten, deren persönliche Daten von Rechtsradikalen im Netz veröffentlicht werden (SPIEGEL 30/2008).
Es ist ja kein neuartiges Phänomen, dass der Mensch seine frisch erlangte Freiheit am liebsten für Zwecke nutzt, die dieser
Freiheit wieder entgegenwirken. In Fällen wie dem des „Dog Shit Girl“ führt die Macht der freien Rede zu einem vom „Mob
angetriebenen Polizeistaat“, wie es der Blogger Don Park genannt hat. Wäre die junge Koreanerin von einer autoritären
staatlichen Ordnungsmacht derart unnachgiebig bis an die Grenzen der Menschenwürde bestraft worden, hätte dies blankes
Entsetzen ausgelöst. Die Netzgemeinde ist bis heute – absolut zu Recht – stolz darauf, ohne ein eigenes Regulativ auszukommen; deswegen muss grundsätzlich ausgehalten werden, dass sich das „Internet Shaming“, wie es die Amerikaner nennen, immer weiter verbreitet. Als ein Mann in der New Yorker U-Bahn unlängst vor einer jungen Frau seinen Penis herausholte, fing diese nicht etwa an zu schreien, sondern zog ihr Handy aus der Tasche und fotografierte den Exhibitionisten. Noch am selben Nachmittag konnte er das Foto, das ihn mit entblößtem Geschlechtsteil in der U-Bahn
zeigte, im Internet anschauen. Oder Tricia Walsh-Smith, sie ist die zurzeit wohl berühmteste Internet-Beschämerin:
Seit ein paar Monaten macht sie ihren Mann, einen bekannten New Yorker Theatermogul, systematisch fertig. Der
76-Jährige hatte ihr mitgeteilt, er wolle sich scheiden lassen, 30 Tage hätte Tricia, um aus der gemeinsamen Upper-East-Side- Wohnung zu verschwinden. Daraufhin begann Tricia, eine erfolglose Schauspielerin, kleine Filmchen zu drehen
und auf YouTube zu veröffentlichen. In den Filmen führt Tricia durch die Wohnung, berichtet von den Vermögensverhältnissen ihres Mannes und seiner Unfähigkeit, mit ihr zu schlafen. Dann ruft sie vor laufender Kamera ihren Mann im Büro an. Sein Sekretär ist dran. Die abservierte Gattin sagt, sie wolle bloß wissen, was sie mit dem Viagra, den Pornofilmen und den Kondomen machen solle, die sie bei ihrem Mann gefunden habe. Ein solches „Shaming“ mag im Einzelfall berechtigt und, ja, vor allem wirkungsvoll sein, aber als System ist es furchterregend; es zerstört ganze Lebenswege in einer Zeit, in der Menschen von potentiellen Arbeitgebern wie von Flirtpartnern als Erstes gegoogelt werden. Das also kann nicht gemeint sein, wenn die Apologeten des partizipativen Web dieses zu einer großen, mit Informationshäppchen zur Allwissenheit hochgefütterten Maschine stilisieren, die eine neue Art des Denkens
– perfekte Faktensuche, komplette Erinnerung – hervorbringt. In ihren Auswüchsen gleicht diese Maschine vielmehr einer
allgegenwärtigen Versammlung digitaler Blogwarte. Ein freier Fluss an Informationen könne eben auch weniger frei machen, stellt der amerikanische Rechtsprofessor Daniel Solove in seinem Buch „The Future of Reputation“ fest und setzt der freien
Meinungsäußerung die Notwendigkeit entgegen, die Privatsphäre zu schützen*. Bloß, wie soll das gehen? Kann das „Dog
Shit Girl“ den Fotografen verklagen, der das Bild in der U-Bahn geschossen hat? Nützt es Frank Wintjen, die Website
Rottenneighbor juristisch anzugehen? Das deutsche Recht sagt, zulässige Äußerungen hören da auf, wo Unwahres behauptet
oder Schmähkritik betrieben wird. Klare Definitionen gibt es nicht, und selbst wenn: Rottenneighbor sitzt in den USA, andere Seiten operieren vielleicht aus Japan oder Russland.
„Sie haben jetzt schon null Privatsphäre. Gewöhnen Sie sich dran“, lautet die inzwischen berüchtigte Einlassung von Scott McNealy, Mitgründer des Computergiganten Sun Microsystems. Sie ist so zynisch wie pragmatisch. Und tatsächlich ist sie der wahre Ausgangspunkt für jede Überlegung darüber, wie wir lernen können, damit zu leben, dass uns in jeder Sekunde jemand filmen kann, wenn wir die Hundescheiße nicht wegmachen. ™
Big Brother im Netz
Auf immer mehr Websites werden Menschen an den Pranger
gestellt und denunziert. Die Freiheit des Internet wird
missbraucht, um Unfreiheit zu schaffen. Von Philipp Oehmke
Da stand er nun mit seinem schiefen Lächeln, dem kleinen Bauch und einer Dose Paderborner Pilsner in der Hand und strahlte aus der „Bild“-Zeitung heraus: „Ich bin der ,Rülpser‘ aus der Neustadt“, bekannte der Hamburger Frank Wintjen, 43, in der vergangenen Woche und präsentierte sich als Opfer des sogenannten Internet-Prangers.Aber was heißt Opfer? Zunächst einmal ist es so, dass Frank Wintjen nach eigenen Angaben „gerne mal ’ne Dose Bier“ trinkt
und anschließend offenbar vernehmbar aufstößt. Das stört seine Nachbarn. Früher hätten die Nachbarn nun bei Wintjen geklingelt und sich beschwert; sie hätten vielleicht getuschelt, Zettelchen im Treppenhaus ausgehängt und zur Ächtung des
Rülpsers aufgerufen. Damit hätte Wintjen vermutlich leben können – und weitergerülpst. Was stören ihn diese paar Nachbarn, diese Spießer? Dummerweise haben diese paar Nachbarn heute mit dem Internet eine Waffe in der Hand, mit der sie Wintjen vor aller Welt bloßstellen und seinen Ruf für alle Zeiten ruinieren können. Wintjen scheint das noch nicht begriffen zu haben, sonst würde er in der „Bild“ nicht so siegesgewiss grinsen. Einer der Nachbarn kannte offenbar die amerikanische Internet-Seite Rottenneighbor. Dort lassen sich auf den Stadtplänen von New York
oder Boston, aber – zum Unglück von Wintjen – auch von Hamburg, Berlin oder jedem noch so verlassenen Nest Häuser markieren, in denen angeblich verkommene Menschen oder gar Kinderschänder leben. Jeder kann diese Markierungen eintragen und den Bewohner für ein vermeintliches Fehlverhalten denunzieren. Es gibt niemanden, der die Anschuldigungen überprüft. Dafür Tausende, die sie lesen. Im Fall von Frank Wintjen stand da nun also: „Dauernd das Zischen von Bierdosen; fängt schon morgens an. Dazu noch lautes Rülpsen.“ Wintjen ist jetzt berüchtigt, und er wird es bleiben. Denn im super Elefantengedächtnis des Internet, namentlich der erbarmungslosen Suchmaschine Google, ist er auf Lebzeiten gefangen.
In diesem Gefängnis sitzt er längst nicht allein. Immer mehr Menschen finden sich gegen ihren Willen mit ihrem Foto, ihrem Namen, mit Adresse, Lebensweg und Vorlieben auf Websites wieder, weil sie angeblich gegen gesellschaftliche Normen verstoßen haben oder allgemein für unerfreulich gehalten werden. Auf der Website Flickr sind zum Beispiel Fotos von Menschen zu sehen, denen vorgeworfen wird, zu laut in ihr Handy zu sprechen; auf Dontdatehimgirl warnen Frauen vor
schlechten Liebhabern, und auf PlateWire sind die Nummernschilder von angeblich miesen Autofahrern gesammelt. Wie viel schlimmer alles noch kommen kann, lässt sich an Frank Wintjens berüchtigtster Leidensgenossin erkennen, einem koreanischen Mädchen, das in der ganzen Welt als „Dog Shit Girl“ bekannt ist. Die junge Koreanerin saß mit ihrem Schoßhund in der U-Bahn, als dieser plötzlich seinen Darm entleeren musste. Mitfahrer baten die Hundebesitzerin, den Haufen zu entfernen, doch sie sagte, das gehe niemanden etwas an, und weigerte sich. Das gehört sich natürlich nicht, es ist unfein, ein Verstoß gegen die guten Sitten. Dafür sollte die junge Frau bestraft werden, fand ein Zeuge. Er fotografierte das Mädchen und den Hundehaufen und lud die Bilder auf ein populäres koreanisches Blog hoch. Innerhalb von Stunden waren
die Fotos überall, die Hundehalterin wurde nur noch „Dog Shit Girl“ genannt, und nach ein paar Tagen hatte der Mob ihren
Namen sowie ihre Vergangenheit recherchiert und im Internet veröffentlicht. Die Sache ging um die Welt, die ersten Blogger
warnten, man treibe das Mädchen in den Selbstmord, einer antwortete: „Sie hat verdient, dass ihr Leben zerstört wird, und
sie wird sich schon nicht umbringen, denn sie ist eine dickhäutige Schlampe.“
Spätestens seit den achtziger Jahren galt es als ausgemacht, dass der Feind oben sitzt; dass er von dort auf die Bürger herabschaut, sie beobachtet, ausspioniert: der Staat, der sogenannte Big Brother, der Volkszählungen anordnet, elektronische Personalausweise fordert oder Online-
Durchsuchungen durchführt. Doch der Feind sitzt heute nicht mehr dort oben; er ist nicht der Staat, auch nicht das Marktforschungsinstitut oder die Kreditkartenfirma. Er sitzt unten, in den Reihen der Gesellschaft selbst, in der online
jeder jeden überwachen und denunzieren kann. Der Feind ist ein unbestimmbarer Internet-Mob, der sich selbst aufstachelt
und zur Selbst- und Lynchjustiz greift. Das Paradoxe ist nur, dass dieser Rückfall in vordemokratisches – und auch vorzivilisatorisches – Verhalten ausgelöst wird durch ein Übermaß an Demokratie: Jeder kann mitmachen – das ist die Aufforderung des modernen Internet 2.0, in dem professionelle Inhalte mehr und mehr ersetzt werden durch Beiträge des gewöhnlichen Nutzers, der Blogs schreibt, sich in sozialen Netzwerken präsentiert oder seine Filme auf YouTube zeigt. Das ist zunächst zu begrüßen, denn es macht das Internet vielfältiger, relevanter und aufregender. Gleichzeitig verleiht diese
horizontale Hierarchie dem Netz eine einzigartige Bestimmung: Kein anderes Medium, keine Institution, kein Staat kann
eine derartig aufgeklärte Gleichberechtigung garantieren. Doch schon Horkheimer und Adorno haben in der „Dialektik der
Aufklärung“ jenen berühmten Satz formuliert, der auch hier zum Tragen kommt: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im
Zeichen triumphalen Unheils“, und so tut es auch das vollends aufgeklärte Netz. Frank Wintjen bekommt dieses Unheil
zu spüren, das koreanische Mädchen, aber auch Tausende Lehrer, die im Internet von ihren Schülern geschmäht werden, oder linke Aktivisten, deren persönliche Daten von Rechtsradikalen im Netz veröffentlicht werden (SPIEGEL 30/2008).
Es ist ja kein neuartiges Phänomen, dass der Mensch seine frisch erlangte Freiheit am liebsten für Zwecke nutzt, die dieser
Freiheit wieder entgegenwirken. In Fällen wie dem des „Dog Shit Girl“ führt die Macht der freien Rede zu einem vom „Mob
angetriebenen Polizeistaat“, wie es der Blogger Don Park genannt hat. Wäre die junge Koreanerin von einer autoritären
staatlichen Ordnungsmacht derart unnachgiebig bis an die Grenzen der Menschenwürde bestraft worden, hätte dies blankes
Entsetzen ausgelöst. Die Netzgemeinde ist bis heute – absolut zu Recht – stolz darauf, ohne ein eigenes Regulativ auszukommen; deswegen muss grundsätzlich ausgehalten werden, dass sich das „Internet Shaming“, wie es die Amerikaner nennen, immer weiter verbreitet. Als ein Mann in der New Yorker U-Bahn unlängst vor einer jungen Frau seinen Penis herausholte, fing diese nicht etwa an zu schreien, sondern zog ihr Handy aus der Tasche und fotografierte den Exhibitionisten. Noch am selben Nachmittag konnte er das Foto, das ihn mit entblößtem Geschlechtsteil in der U-Bahn
zeigte, im Internet anschauen. Oder Tricia Walsh-Smith, sie ist die zurzeit wohl berühmteste Internet-Beschämerin:
Seit ein paar Monaten macht sie ihren Mann, einen bekannten New Yorker Theatermogul, systematisch fertig. Der
76-Jährige hatte ihr mitgeteilt, er wolle sich scheiden lassen, 30 Tage hätte Tricia, um aus der gemeinsamen Upper-East-Side- Wohnung zu verschwinden. Daraufhin begann Tricia, eine erfolglose Schauspielerin, kleine Filmchen zu drehen
und auf YouTube zu veröffentlichen. In den Filmen führt Tricia durch die Wohnung, berichtet von den Vermögensverhältnissen ihres Mannes und seiner Unfähigkeit, mit ihr zu schlafen. Dann ruft sie vor laufender Kamera ihren Mann im Büro an. Sein Sekretär ist dran. Die abservierte Gattin sagt, sie wolle bloß wissen, was sie mit dem Viagra, den Pornofilmen und den Kondomen machen solle, die sie bei ihrem Mann gefunden habe. Ein solches „Shaming“ mag im Einzelfall berechtigt und, ja, vor allem wirkungsvoll sein, aber als System ist es furchterregend; es zerstört ganze Lebenswege in einer Zeit, in der Menschen von potentiellen Arbeitgebern wie von Flirtpartnern als Erstes gegoogelt werden. Das also kann nicht gemeint sein, wenn die Apologeten des partizipativen Web dieses zu einer großen, mit Informationshäppchen zur Allwissenheit hochgefütterten Maschine stilisieren, die eine neue Art des Denkens
– perfekte Faktensuche, komplette Erinnerung – hervorbringt. In ihren Auswüchsen gleicht diese Maschine vielmehr einer
allgegenwärtigen Versammlung digitaler Blogwarte. Ein freier Fluss an Informationen könne eben auch weniger frei machen, stellt der amerikanische Rechtsprofessor Daniel Solove in seinem Buch „The Future of Reputation“ fest und setzt der freien
Meinungsäußerung die Notwendigkeit entgegen, die Privatsphäre zu schützen*. Bloß, wie soll das gehen? Kann das „Dog
Shit Girl“ den Fotografen verklagen, der das Bild in der U-Bahn geschossen hat? Nützt es Frank Wintjen, die Website
Rottenneighbor juristisch anzugehen? Das deutsche Recht sagt, zulässige Äußerungen hören da auf, wo Unwahres behauptet
oder Schmähkritik betrieben wird. Klare Definitionen gibt es nicht, und selbst wenn: Rottenneighbor sitzt in den USA, andere Seiten operieren vielleicht aus Japan oder Russland.
„Sie haben jetzt schon null Privatsphäre. Gewöhnen Sie sich dran“, lautet die inzwischen berüchtigte Einlassung von Scott McNealy, Mitgründer des Computergiganten Sun Microsystems. Sie ist so zynisch wie pragmatisch. Und tatsächlich ist sie der wahre Ausgangspunkt für jede Überlegung darüber, wie wir lernen können, damit zu leben, dass uns in jeder Sekunde jemand filmen kann, wenn wir die Hundescheiße nicht wegmachen. ™
Ich denke, der Autor hat Recht. Warum haben Reality Shows wie "Big Brother" oder das "Dschungelcamp" solchen Erfolg? Es ist unser eigener Voyeurismus. Hier kommen unsere eigenen niederen, grausamen Instinkte zum Vorschein, der Verfall der Moral. Viele sind um keinen Deut besser als Schäuble - was mich zu der Folgerung führt, dass wir es wohl nicht anders verdient haben, als überwacht zu werden. Es ist erschreckend, wie viele Leute die Überwachung einfach zulassen und mittels StudiVZ alles von sich preisgeben.
Ansonsten habe ich dem Autor nichts mehr hinzuzufügen. Mir ist plötzlich so kalt...
Wünsche eine schöne Diskussion und viel Spaß beim Lesen.


