Sturm - Hans-Christian Schmid


Einer der interessantesten, weil eigenständigen deutschen Regisseure ist für mich Hans-Christian Schmid; seine Filmographie ist beeindruckend frei von Schwachpunkten und wirklich vielfältig. Nachdem er mit "Nach fünf im Urwald" der jungen Franka Potente zu Ruhm verhalf, zeigte er mit dem Hackerthriller "23" und dem angenehm unverkrampften Pubertätsdrama "Crazy", dass in vielen Genres mit ihm zu rechnen sein würde. Es folgten "Lichter", ein Episodenfilm über die deutsch-polnische Grenze und der grandiose Exorzismusstreifen "Requiem", der seiner Hauptdarstellerin Sandra Hüller zu Recht einen silbernen Bären einbrachte. Auch dieses Werk liegt nun schon wieder drei Jahre zurück und es wurde also mal wieder Zeit für was Neues.
Diesmal geht es nach Den Haag, wo der frühere serbische General Duric dafür angeklagt wird, im Jugoslawienkrieg bosnische Frauen aus dem serbischen Teil Bosniens (Republik Srpska) deportiert und getötet zu haben. Hauptanklägerin ist Hannah Maynard, die gerade erst bei einer Beförderung übergangen wurde und deren Frustration über diese Zurückstellung man in fast jeder Szene zu spüren scheint - immer eigensinniger wird sie in ihren Handlungen und jeder scheint ihrer Meinung nach sie selbst oder ihre Ziele sabotieren zu wollen. Zuerst entpuppt sich der Hauptbelastungszeuge als Lügner und anschließend werden von höherer Stelle die neuerlichen Nachforschungen vor Ort kritisiert, sogar einen jungenhaften Aufpasser, den sie scherzhaft als Golden Retriever bezeichnet, will man ihr zur Seite stellen.
Als sie dann endlich doch eine glaubwürdige Zeugin findet, versucht sie auch dementsprechend hartnäckig diese zu überzeugen vor dem Tribunal auszusagen. Hier beginnt dann auch der interessanteste Teil des Films, denn nun tritt auch die zweite Hauptfigur des Films in den Vordergrund. Die Zeugin Mira Arendt hat das Geschehen vor 15 Jahren verdrängt und lebt mittlerweile glücklich mit ihrer Familie in Berlin, wo sich plötzlich die zielbewusste Anklägerin in der kleinen Küche aufdrängt, Fraggen zur Vergangenheit stellt und Überzeugungsarbeit leisten will, dieweil im Nebenzimmer gerade eine Musikschülerin auf Mira wartet. Natürlich erklärt sie sich irgendwann doch zur Aussage bereit und während sie nun in einem Hotel am trostlos grauen Meer allein mit ihrem Sohn auf ihre Aussage wartet, gibt es unter den Gerichtsparteien in Den Haag unzählige informelle Absprachen, wie es die übereifrige Hannah Maynard selbst nicht vorausberechnet hatte. Mehr will ich nicht vorwegnehmen, auch wenn das Ende nicht gerade spektakulär, sondern eher etwas enttäuschend verläuft.
Die Idee, sich einem solchen Prozess von der Seite der Anklägerin zu nähern, ist auf jeden Fall aufregend und es gelingt damit auch recht gut, die Schrecken der Kriegsverbrechen nicht zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, geht es hier doch eher um die Hürden der juristischen Aufarbeitung und die Auswirkungen auf die Zeugen. Die beiden Frauen stehen klar im Mittelpunkt und haben genügend Zeit und Platz sich zu entwickeln. Die jeweiligen Lebensgefährten und die anderen Nebenfiguren bleiben hingegen blass und sind auch eher dafür da, die Anspannung und Entfremdung der Protagonistinnen zu zeigen, was gerade bei der Juristin dazu führt, dass sich zum Ende hin das Privatleben, welches anfangs noch in einigen feinen Episoden auftrat, komplett aus dem Film verabschiedet. Die Figuren wirken darum auf mich auch nicht so liebevoll gestaltet, wie beispielsweise in "Lichter", sondern sie stehen seltsam isoliert da, als bestünde ihr Dasein nur aus diesem Prozess. Das ist legitim, solange es vorrangig um die Verhandlung geht, aber führt eben auch dazu, dass einige Entscheidungen und Handlungsweisen, sowie vor allem die Beziehung zwischen Mira und Hannah nicht immer nachvollziehbar wirken.
Trotz allem sind die Figuren glaubwürdig, was auch am intensiven Spiel der Darstellerinnen liegt, beide wirken fremd und verloren in einer Welt, die für die eine doch den Alltag darstellt und für die andere Aufarbeitung der Vergangenheit und Genugtuung bringen soll.
Untermalt wird das Ganze von Zeit zu Zeit mit deprimierend langweiligen und verschwommenen Bildern von Korridoren, Türen, Feuerlöschern im Gerichtsgebäude oder dem Hotel der Zeugin und in diesen wiederkehrenden Sequenzen spielen meist The Notwist ihre hypnotische Musik (mir fällt wirklich kein anderes Wort dafür ein - höchstens einschläfernd). Diese Szenen sind nicht unbedingt schön anzusehen, für die Handlung auch nicht weiter von Bedeutung, aber wirken entspannend zwischen den gerichtspolitischen Dialogen und sorgen für eine angenehm kühle Atmosphäre.
Kameratechnisch habe ich noch einiges herumzumäkeln, ich mag einfach Handkameras nicht. Was in hektischen Szenen oder bei bestimmten Beobachterperspektiven nachvollziehbar wirkt, ist in einem Büro meiner Meinung nach vollkommen unangebracht. Wenn sich drei Leute dort einigermaßen ruhig unterhalten, so muss man nicht hektisch hin- und herschneiden, da ja Großaufnahmen von Gesichtern auf der breiten Leinwand sowieso deplaciert wirken. Dazu wackelt alles und man sieht häufig Bildausschnitte, auf denen von Personen noch der Brustbereich zu sehen ist, während oben der Kopf nicht mehr vollständig drauf passt - was irgendwie bedrückend wirkt und für mich einfach ein absolutes Ärgernis darstellt. Dazu kommen unmotivierte Gegenlichtaufnahmen und das Gefühl, dass 4:3 dem Film besser zu Gesicht stünde. In "Requiem" hat mir die Arbeit von Schmids Stammkameramann Bogumil Godfrejów noch weitaus besser gefallen.
Vielleicht hat Schmid das komplizierte Thema nicht konsequent genug angepackt, denn über allem schwebt der Grundgedanke der Vergeltung an den alten Kriegsverbrechern und die Gefahr und Macht, welche von diesen noch immer ausgeht. Die Verbissenheit, mit der Hannah die Vergangenheit aufarbeiten will, stellt die Frage nach dem Warum in den Schatten; die junge Mira wird erneut in eine Welt von Angst und Verfolgung geworfen, ohne dass die westliche Welt sich darum kümmert, welcher Preis dabei eigentlich gezahlt wird.
Der Konflikt spielt sich hier vor allem zwischen gerechter Strafe und pragmatischen Gerichtsvergleichen ab - die Frage, wie weit man in der Verfolgung gehen muss und wer dafür eigentlich zuständig sein soll, wird leider weniger explizit behandelt.
Der Film gibt letztlich keine Antworten, stellt aber auch seine Fragen zu vorsichtig, als dass er sich damit wirklich Gehör verschaffen könnte. In "Requiem" war Schmid noch weitaus mutiger und klarer in seiner Filmsprache und ich hoffe, dass er wieder dahin zurückfindet. Nicht zuletzt auch wegen der ziemlich verhunzten deutschen Synchronisation gibt es deshalb von mir nur 6 von 10 Punkten.
Diesmal geht es nach Den Haag, wo der frühere serbische General Duric dafür angeklagt wird, im Jugoslawienkrieg bosnische Frauen aus dem serbischen Teil Bosniens (Republik Srpska) deportiert und getötet zu haben. Hauptanklägerin ist Hannah Maynard, die gerade erst bei einer Beförderung übergangen wurde und deren Frustration über diese Zurückstellung man in fast jeder Szene zu spüren scheint - immer eigensinniger wird sie in ihren Handlungen und jeder scheint ihrer Meinung nach sie selbst oder ihre Ziele sabotieren zu wollen. Zuerst entpuppt sich der Hauptbelastungszeuge als Lügner und anschließend werden von höherer Stelle die neuerlichen Nachforschungen vor Ort kritisiert, sogar einen jungenhaften Aufpasser, den sie scherzhaft als Golden Retriever bezeichnet, will man ihr zur Seite stellen.
Als sie dann endlich doch eine glaubwürdige Zeugin findet, versucht sie auch dementsprechend hartnäckig diese zu überzeugen vor dem Tribunal auszusagen. Hier beginnt dann auch der interessanteste Teil des Films, denn nun tritt auch die zweite Hauptfigur des Films in den Vordergrund. Die Zeugin Mira Arendt hat das Geschehen vor 15 Jahren verdrängt und lebt mittlerweile glücklich mit ihrer Familie in Berlin, wo sich plötzlich die zielbewusste Anklägerin in der kleinen Küche aufdrängt, Fraggen zur Vergangenheit stellt und Überzeugungsarbeit leisten will, dieweil im Nebenzimmer gerade eine Musikschülerin auf Mira wartet. Natürlich erklärt sie sich irgendwann doch zur Aussage bereit und während sie nun in einem Hotel am trostlos grauen Meer allein mit ihrem Sohn auf ihre Aussage wartet, gibt es unter den Gerichtsparteien in Den Haag unzählige informelle Absprachen, wie es die übereifrige Hannah Maynard selbst nicht vorausberechnet hatte. Mehr will ich nicht vorwegnehmen, auch wenn das Ende nicht gerade spektakulär, sondern eher etwas enttäuschend verläuft.
Die Idee, sich einem solchen Prozess von der Seite der Anklägerin zu nähern, ist auf jeden Fall aufregend und es gelingt damit auch recht gut, die Schrecken der Kriegsverbrechen nicht zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, geht es hier doch eher um die Hürden der juristischen Aufarbeitung und die Auswirkungen auf die Zeugen. Die beiden Frauen stehen klar im Mittelpunkt und haben genügend Zeit und Platz sich zu entwickeln. Die jeweiligen Lebensgefährten und die anderen Nebenfiguren bleiben hingegen blass und sind auch eher dafür da, die Anspannung und Entfremdung der Protagonistinnen zu zeigen, was gerade bei der Juristin dazu führt, dass sich zum Ende hin das Privatleben, welches anfangs noch in einigen feinen Episoden auftrat, komplett aus dem Film verabschiedet. Die Figuren wirken darum auf mich auch nicht so liebevoll gestaltet, wie beispielsweise in "Lichter", sondern sie stehen seltsam isoliert da, als bestünde ihr Dasein nur aus diesem Prozess. Das ist legitim, solange es vorrangig um die Verhandlung geht, aber führt eben auch dazu, dass einige Entscheidungen und Handlungsweisen, sowie vor allem die Beziehung zwischen Mira und Hannah nicht immer nachvollziehbar wirken.
Trotz allem sind die Figuren glaubwürdig, was auch am intensiven Spiel der Darstellerinnen liegt, beide wirken fremd und verloren in einer Welt, die für die eine doch den Alltag darstellt und für die andere Aufarbeitung der Vergangenheit und Genugtuung bringen soll.
Untermalt wird das Ganze von Zeit zu Zeit mit deprimierend langweiligen und verschwommenen Bildern von Korridoren, Türen, Feuerlöschern im Gerichtsgebäude oder dem Hotel der Zeugin und in diesen wiederkehrenden Sequenzen spielen meist The Notwist ihre hypnotische Musik (mir fällt wirklich kein anderes Wort dafür ein - höchstens einschläfernd). Diese Szenen sind nicht unbedingt schön anzusehen, für die Handlung auch nicht weiter von Bedeutung, aber wirken entspannend zwischen den gerichtspolitischen Dialogen und sorgen für eine angenehm kühle Atmosphäre.
Kameratechnisch habe ich noch einiges herumzumäkeln, ich mag einfach Handkameras nicht. Was in hektischen Szenen oder bei bestimmten Beobachterperspektiven nachvollziehbar wirkt, ist in einem Büro meiner Meinung nach vollkommen unangebracht. Wenn sich drei Leute dort einigermaßen ruhig unterhalten, so muss man nicht hektisch hin- und herschneiden, da ja Großaufnahmen von Gesichtern auf der breiten Leinwand sowieso deplaciert wirken. Dazu wackelt alles und man sieht häufig Bildausschnitte, auf denen von Personen noch der Brustbereich zu sehen ist, während oben der Kopf nicht mehr vollständig drauf passt - was irgendwie bedrückend wirkt und für mich einfach ein absolutes Ärgernis darstellt. Dazu kommen unmotivierte Gegenlichtaufnahmen und das Gefühl, dass 4:3 dem Film besser zu Gesicht stünde. In "Requiem" hat mir die Arbeit von Schmids Stammkameramann Bogumil Godfrejów noch weitaus besser gefallen.
Vielleicht hat Schmid das komplizierte Thema nicht konsequent genug angepackt, denn über allem schwebt der Grundgedanke der Vergeltung an den alten Kriegsverbrechern und die Gefahr und Macht, welche von diesen noch immer ausgeht. Die Verbissenheit, mit der Hannah die Vergangenheit aufarbeiten will, stellt die Frage nach dem Warum in den Schatten; die junge Mira wird erneut in eine Welt von Angst und Verfolgung geworfen, ohne dass die westliche Welt sich darum kümmert, welcher Preis dabei eigentlich gezahlt wird.
Der Konflikt spielt sich hier vor allem zwischen gerechter Strafe und pragmatischen Gerichtsvergleichen ab - die Frage, wie weit man in der Verfolgung gehen muss und wer dafür eigentlich zuständig sein soll, wird leider weniger explizit behandelt.
Der Film gibt letztlich keine Antworten, stellt aber auch seine Fragen zu vorsichtig, als dass er sich damit wirklich Gehör verschaffen könnte. In "Requiem" war Schmid noch weitaus mutiger und klarer in seiner Filmsprache und ich hoffe, dass er wieder dahin zurückfindet. Nicht zuletzt auch wegen der ziemlich verhunzten deutschen Synchronisation gibt es deshalb von mir nur 6 von 10 Punkten.
Gruß,
Reksilat.
