In den zurückliegenden Zeiten überhitzter Weltkonjunktur litten wir unter der Erderwärmung. Für Visionäre war die Klimakatastrophe mit abschmelzen Eiskappen auf den beiden Polen und verdurstendem Getier dazwischen bereits in Sichtweite gerückt.
Jetzt ist es frostig geworden auf den Märkten. Zum konjunkturellen Temperatursturz passen die Überhitzungsszenarien nicht mehr. Also Spielplanwechsel, das Katastrophentheater braucht ein neues Stück.: Bühne frei für die Schweinegrippe.
Dabei ist sie ein Kind des Südens. Sie kommt aus Mexiko City, einer der Megastädte im Armutsgürtel dieser Welt, wo schlecht ernährte Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht in Armut, ohne sauberes Trinkwasser und ohne funktionierende Kanalisation leben müssen.
Dort hat sie nachweislich bislang 8 Menschen das Leben gekostet. Doch niemand weiß, ob diese Menschen am Virus oder ihrer Armut gestorben sind. Denn unter den gut ernährten, in komfortablen Wohnverhältnissen lebenden Menschen, die sich Hygiene leisten können, hat das Virus wenig ausgerichtet. Sie haben sich angesteckt, aber der Krankheitsverlauf war so milde, dass sie vermutlich nicht mal zum Arzt gegangen wären, hätte sie vom Verdacht auf Schweinegrippe nichts gewusst. Und sie wären wieder gesund geworden.
Kein nachgewiesener Ärztepfusch kann den Glauben an die Halbgötter in Weiß erschüttern, auch der moderne Mensch braucht seine Medizinmänner. So hält sich die Legende, wir verdankten unsere hohe Lebenserwartung dem medizinischen Fortschritt und der umfassenden medizinischen Versorgung. Dabei haben Konservendose, Kältemaschine und Hygiene mehr Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt als alle Ärzte und Krankenhäuser zusammen. In Zimbabwe brauchen die Menschen keine Medizin, um der Choleraepidemie Herr zu werden, sie brauchen sauberes Trinkwasser und eine ausreichende Ernährung.
Womit wir freilich schon wieder bei diesen leidigen Wirtschaftsproblemen wären, bei der unangenehmen Frage nach der ungleichen Verteilung von Reichtum und Armut auf der Welt, bei der noch unangenehmeren, ob die Herstellung von Gerechtigkeit für uns nicht auch schwere Einbußen mit sich bringen könnte.
Und das ist es doch, wovor uns das Virus retten soll. Jubeln wir also den Lobbyisten der Ärzteschaft und der Gesundheitsorganisationen zu, die sich medienhungrig und budgetorientiert vor die Kameras drängen. Malen wir uns mit ihnen aus, was alles passieren KÖNNTE. Und freuen wir uns darüber, endlich geeint zu sein im Kampf gegen einen kleinen und identifizierbaren und ganz fremden Feind: Das Schweinegrippevirus.
