Wie versprochen hier ein ausführlicher Kommentar zu deinem Artikel.
Tequila hat geschrieben:Am Sonntag hat Hessen wieder gewählt. Das Ergebnis war zu erwarten, ist aber bei näherer Betrachtung eigentlich sonderbar, ja geradezu irrational. Hier noch einmal die Ergebnisse.
Die Linke hat stagniert und eigentlich genauso abgeschnitten wie in der vorherigen Wahl. Nur wenige Ex-SPD-Wähler sind zur Linken abgewandert. Das Gros wählte stattdessen die Grünen, die ein kräftiges Plus verzeichnen konnten und mächtig vom Chaos in der Hessen-SPD profitierten. Allerdings blieben auch viele daheim: Die Wahlbeteiligung nahm auf ca. 61% ab.
Soweit richtig, allerdings ist die FDP der größte Gewinner des Untergangs der SPD.
Tequila hat geschrieben:Insgesamt verlor die SPD wie erwartet extrem und konnte nur noch 23,7% der Stimmen einfahren (vorher 36,7% / - 13%). Das war die natürliche Folge auf den “Wortbruch” Andrea Ypsilantis und auf ihr Versagen beim Versuch, Ministerpräsidentin zu werden. Dass Politiker ihre Versprechen oft nicht halten, sind die Bürger mittlerweile schon fast gewohnt, aber eine Partei, die erwiesenermaßen nicht regierungsfähig ist, wählt keiner. Traurig ist nur, dass das schlechte Ergebnis der SPD nicht an ihrem Programm liegt. Da Millionen Leute ihre politische Meinung innerhalb eines Jahres normalerweise nicht grundlegend ändern, liegt die Zustimmung zu den Zielen der SPD wohl immer noch bei 36,7%. Der herbe Stimmverlust ist also alleine auf den Streit innerhalb der SPD und die große Enttäuschung der Wähler zurückzuführen.
Das würde ich etwas anders ausdrücken. Die Leute haben die SPD vor allem wegen des Wortbruchs Andrea Ypsilantis kritisiert. Das zeigt, dass derartig offensichtlicher Betrug an den eigenen Wählern weder gewöhnlich ist, noch dass er ungestraft bleibt. Die Frage ist auch, was das Programm einer Partei überhaupt wert ist, die in derart zentralen Punkten Wortbruch begeht.
Tequila hat geschrieben:Bezieht man die geringere Wahlbeteiligung mit ein und betrachtet man die Wahlergebnisse in absoluten Zahlen, so haben sogar weniger Menschen ihre Stimme der CDU gegeben als vorher. Aus dem von Generalsekretär Pofalla propagierten Wahlsieg wird so bei genauerer Betrachtung eine Niederlage. Nicht gegenüber der SPD, aber gegenüber dem Wähler.
Damit hast du völlig recht, sehr gut formuliert.
Tequila hat geschrieben:Der große Wahlsieger hieß FDP mit 16,2% (vorher: 9,4% / +6,8%). Sie hatte zwar keine besonderen programmatischen Eckpunkte, aber sie schaffte es, die Stimmen für das bürgerliche Lager bei sich zu bündeln. Wechselwähler, die aufgrund ihrer Enttäuschung über die SPD nun wieder CDU hätten wählen können, wichen auf die FDP aus. Auch eine Art, dem Ministerpräsidenten einen Denkzettel zu verpassen.
Das ist denke ich etwas weit hergeholt. Die ehemaligen SPD-Wähler haben wohl eher der SPD als der CDU einen Denkzettel verpasst, wie das Wahlergebnis ja eindeutig zeigt.
Tequila hat geschrieben:Die FDP ist in der Koalition und auch im Bundesrat zu einem Machtfaktor geworden und wird im November bei Beibehaltung ihrer Wahlkampftaktik vielleicht die ehemals von FDP-Chef Guido Westerwelle angepeilten 18% erreichen können. In Hessen wohlgemerkt. Wie zuvor bei der SPD ist aber auch hier ganz klar sichtbar, dass nicht nach programmatischen Gesichtspunkten entschieden wurde - eigentlich irrational. Schließlich stellen diese Leute die nächste Regierung.
Damit unterstellst du ja den Wählern, die direkten Folgen ihres Votums nicht überblicken zu können. Ich wage zu behaupten, dass einige der FDP-Wähler die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der FDP gerne in Kauf genommen haben.
Tequila hat geschrieben:Gerade die FDP steht hierzulande für Neoliberalismus, Turbokapitalismus, die Finanzkrise (man könnte die Liste ewig fortführen). Eine so liberale Politik wie von der FDP gefordert hat überhaupt erst die Krise verursacht.
Diese Vereinfachung halte ich in dieser Form nicht für zulässig. Die SPD ist seit über einem Jahrzehnt auf Bundesebene Reigierungspartei, die FDP ist seit langem in der Opposition. Einer Oppositionspartei die Schuld für eine Fehlentwicklung im Land zu geben ist doch paradox, zumal die Wirtschaftskrise eindeutig von den USA und nicht von der FDP ausging.
Tequila hat geschrieben:Die Philosophie wurde durch die Realität widerlegt. Eigentlich sollte man denken, dass die Wähler solch eine Partei zumindest während der Finanzkrise nicht mehr wählen - aber falsch gedacht. Wie schon gesagt: Eigentlich ist das Wahlverhalten der Hessen zutiefst irrational.
Das finde ich überhaupt nicht. Ypsilanti (und damit die hessische SPD) hat gelogen, und dafür wurde sie abgestraft. Roland Koch hat davon profitiert, und kann so weiter regieren.
Tequila hat geschrieben:Anscheindend werden die Bürger in der Krise konservativ und wählen lieber Sicherheit anstatt soziale Gerechtigkeit. Besonders, wenn die Verfechter der Gerechtigkeit keine Sicherheit bieten können. In fünf Jahren wird Hessen wieder wählen.
Die FDP hatte die größten Zuwächse, und ist keine konservative Partei. Was ich von der sozialen "Gerechtigkeit" der SPD halte, will ich hier nicht näher ausführen. Wer nichts hat, der teilt gerne.