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Moderator: anZen

Beitrag04.02.2009, 18:45 - #1 [Filmkritik] Operation Walküre

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Operatin Walküre - Regie: Bryan Singer

Wir beginnen in Afrika. Die Alliierten sind auf dem Vormarsch und Oberst Stauffenberg versucht den kommandierenden Offizier zum Rückzug zu bewegen, intensiv setzt er sich für die Soldaten ein, argumentiert, dass ein Durchhalten angesichts der gegnerischen Kräfte sinnlos wäre und hat schließlich Erfolg. So wird er also eingeführt: in legerer Feldkleidung statt in Garnitur, wenig um das eigene Fortkommen bemüht und couragiert auch gegenüber Vorgesetzten - kurz und knapp: der Held des Films.
Genug der Vorstellung, es folgen Luftangriffe, ein paar Panzer brennen, Autos kippen um und Stauffenberg verliert Auge, Hand und noch zwei Finger. Damit ist das Vorgeplänkel vorbei und wir ziehen uns für den Rest des Films von Kriegsgeschehen, und größeren Explosionen zurück, Stauffenberg darf ab jetzt Ausgehuniform tragen und mit ihm alle anderen. Es wird nicht geschossen, sondern geredet; es wird nicht gekämpft, sondern geplant.

Langsam begeben wir uns also in den eigentlichen Film, ein Anschlag schlägt fehl, die Verschwörer bleiben unentdeckt; nun benötigt man einen neuen Mann beim Heer, den man in Stauffenberg findet. Es wächst zusammen, was zusammengehört - oder vielleicht nicht so ganz, denn der junge Graf mischt die Runde der greisen Politiker gehörig auf, ergreift immer wieder die Initiative und stellt Fragen, an die vorher mal wieder niemand gedacht hat („Hitler töten? Gut, aber was passiert danach?"). Ab jetzt wird taktiert und diskutiert, geplant und vorbereitet, Anschläge werden abgebrochen und schließlich ausgeführt - immer im Zentrum alles Geschehens: Stauffenberg.
Der weitere Verlauf birgt dann rein handlungstechnisch keine Überraschungen mehr, aber wie sollte er auch? Die Geschichte muss zu Ende erzählt werden, wie alles ausgeht, weiß man ja schon. Wenden wir uns lieber vom Was zum Wie.

Der Film beginnt eigentlich mit einem Prolog: Afrika und ein gescheitertes Attentat um Henning von Tresckow. Losgelöst vom Rest der Handlung, sowohl erzählerisch als auch filmtechnisch, führt er einige Figuren ein, versucht aber gar nicht erst die Beweggründe der Charaktere darzustellen. Auch der Krieg, das Reich, die Vorgeschichte werden nicht erwähnt, selbst die schwere Verwundung Stauffenbergs bleibt im weiteren Verlauf eher bedeutungslos.
Ich kann das nur befürworten, denn die ersten fünf Minuten eines Films sollten meiner Meinung nach nicht dazu genutzt werden, sämtliche Charaktere einzuführen und komplexe Verwicklungen darzustellen. Erstmal in Ruhe anfangen, sage ich, bei unterhaltsamen Filmen auch gerne ein Vorspann dazwischen, es bleibt zumeist genug Zeit, alles zu erklären.
Auch wenn es hier nicht ganz passt, möchte ich ein Negativbeispiel anführen: „Batman Begins“ hat den meiner Meinung nach wohl langweiligsten und dümmsten Anfang, den man sich bei einem Film von solcher Qualität vorstellen kann. Die Motivation und die Ängste des „dunklen Rächers“(!) gleich zu Beginn so vollkommen aufzudröseln, ist einfach überflüssig.

Aber zurück zum Thema: Der Hauptteil der Erzählung spielt zu großen Teilen in geschlossenen Räumen, vieles erinnert mehr an Spionage- oder Politthriller der 70er und 80er, als an einen Weltkriegsfilm; nicht die Vernichtungsmaschinerie steht hier im Vordergrund, sondern die Bürokratie. An manchen Stellen werden Hakenkreuze symbolträchtig ins Bild gerückt, als müsste man immer wieder darauf hinweisen, wo wir uns eigentlich befinden und selbst als Stauffenberg erstmals Hitler begegnet, wird das nicht zum Schlüsselerlebnis, er kommt, er geht, er hat ja nur eine Unterschrift benötigt.
Der Spannung tut das gewiss keinen Abbruch, im Gegenteil, man kennt den Ausgang und kennt ihn doch nicht, als würde man ein Fußballspiel erst in der Wiederholung sehen. Wo finden sich die Indizien für das Scheitern? War dieses Vorhaben nicht schon in der Entstehung dem Untergang geweiht oder war einfach die Planung fehlerhaft? Nicht dass man dann glauben könnte, Hitler wäre dem Anschlag wirklich erlegen, aber die Faszination eines kompletten Systemumsturzes mitten im Jahre ’44 trägt einen immer weiter, bis man sich direkt in ihm wiederfindet, während verhaftete SS-Männer abtransportiert werden. Irgendwann muss man sich aber doch den historischen Fakten beugen und lässt das unausweichliche Ende kommen.
Bis dahin hat sich der Film, wie auch seine Protagonisten, komplett verausgabt, es gibt keine Verschwörung mehr, nur noch Maschine. Das Scheitern kommt schnell und unausweichlich, der Wunsch, in Erinnerung zu bleiben, soll hier nicht erfüllt werden – noch lange neun Monate wird der Krieg in Europa dauern.

Was ist es nun für ein Film? Ist es ein Tom-Cruise-Film? Ja, er ist es, voll und ganz auf die Person Stauffenberg zugeschnitten. Wer eine grundsätzliche Abneigung gegen Cruise hegt, sei es wegen Scientology oder seiner Schauspielkunst, sollte sich diesen Film also nicht ansehen. Ich dagegen halte ihn trotz einiger mangelhafter Filme für einen wirklich guten Schauspieler, wie er es beispielsweise in „Magnolia“, „Minority Report“ oder „Die Farbe des Geldes“ bewiesen hat. Auch in „Operation Walküre“ liefert er nun eine überzeugende Leistung. Er wirkt kühl, selbstbewusst, überzeugt, genau wie es bei Cruise oft der Fall ist, aber auch wie die Figur hier angelegt ist. Graf Stauffenberg und Tom Cruise, das passt diesmal und es trägt zum Gelingen des Films bei.
Auch die Nebendarsteller tragen illustre Namen. Vor allem Tom Wilkinson gibt den bigotten General Fromm sehr überzeugend, als einzige Figur zwischen den beiden Fronten, wendet und wandelt er sich immer wieder, von überheblich bis kleinlaut muss hier das Spektrum reichen. Die Verschwörer dagegen stehen fast ausnahmslos im Schatten Stauffenbergs, nur Kenneth Branagh hat als Henning von Tresckow zu Beginn des Films eine schöne Episode um den fehlgeschlagenen Anschlag für sich allein und darf im weiteren Verlauf auch einige Zweifel an Stauffenbergs Plänen äußern. Vor der eigentlichen Operation, wird er dann aber an die Front versetzt und so fehlt sein spöttisches Grinsen in der zweiten Hälfte. Schade, ich sehe Branagh gern.
Von deutscher Seite aus sind die „Untergangs“-erfahrenen Thomas Kretschmann und vor allem Christian Berkel dabei, die trotz ihrer Herkunft nicht einfach nur den befehlebrüllenden Feldwebel Schulz geben müssen. Gerade Berkel hat als Albrecht Mertz von Quirnheim eine der zentralen Rollen inne und weiß diese auch ordentlich auszufüllen.

Was an „Operation Walküre“ gerne hervorgehoben wird, ist die historische Genauigkeit und auch von anerkannten Historikern wird diese dem Film bescheinigt. Die Drehbuchautoren haben in dieser Hinsicht also ganze Arbeit geleistet und Regisseur Bryan Singer, in letzter Zeit eher dem phantastischen Genre zugeneigt (X-Men, Superman), gibt sich erkennbar Mühe, das ganze in eine glaubwürdige Form zu verpacken.
Gerade sehr bekannte oder heikle Themen erfordern ja eine möglichst hohe Exaktheit und dabei wirken historische Filme dann manchmal so, als würde nur eine Strichliste besonders geläufiger Begebenheiten abgehakt, die narrative Verknüpfung wird dabei bisweilen vernachlässigt und es fällt schwer, mit der Szenerie vertraut zu werden.
Nun, den Erzählfluss beizubehalten, ist hier aufgrund des engen Zeitfensters weniger schwierig, das wirkliche Problem ist, dass sich kaum Möglichkeiten bieten, mal etwas anderes als Offiziere zu zeigen. Einen teuren Tom-Cruise-Film kann man leider nicht auf ein Kammerspiel im Sinne von „Die 12 Geschworenen“ reduzieren, wo ein Raum und ein dutzend Schauspieler komplett ausreichend waren; und trotzdem wäre gerade diese Form für die Konzeption des Films angemessen gewesen. Dass man aber auch bei einer weniger konsequenten Darstellung nicht zwangsläufig auf eine klischeebeladene Flut der Emotionen zurückgreifen muss, um den Zuschauer für die Geschichte einzunehmen, zeigt Singer hier recht elegant, indem er immer wieder den Blick des kleinen Mannes einnimmt. Da kann es passieren, dass der Focus plötzlich auf eine Sekretärin oder einen Fahrer fällt, deren Pflichterfüllung eigentlich nicht weiter von Bedeutung ist, aber mit denen sich die Kamera eben lang genug beschäftigt, um jedes Mal Interesse für diese Figuren zu wecken und zu zeigen, dass hinter all den Rädchen im System auch immer wieder eigene moralische Persönlichkeiten stehen. Ähnlich gut funktioniert auch die Idee, einige Szenen quasi direkt aus der Sicht eines anonymen Beobachters zu schildern. Dabei nimmt die Kamera eine Position ein, die eben nicht die beste Übersicht bietet, es finden sich Hindernisse im Blickfeld, die Szenerie wird aus Hüfthöhe gezeigt oder aus der Luke eines Flugzeugs, während die Protagonisten vor uns gerade die Gangway herabsteigen. Weshalb manche Filmemacher auf die absurde Idee kommen, dass man nur mit verwackelten und verrauschten Digicambildern Intensität erzeugen kann, wird durch diese Einstellungen noch unbegreiflicher.

Gerade diese Sequenzen haben mich für den Film eingenommen und ich möchte sie hier auch hervorheben, da es viele gibt, die amerikanische Produktionen in Multiplexkinos meiden, um keinen typisch hollywoodesken Einheitsbrei vorgesetzt zu bekommen. Letzten Endes ist aber dieser 60-Millionen-Dollar-Streifen klüger und feiner als der banale deutsche Geschichtsporno „Der Baader Meinhof Komplex“, welcher jetzt zu allem Überfluss und mitsamt seiner volksverdummenden Deppenleerzeichen für den Auslandsoscar nominiert worden ist. Nicht dass ich die „Walküre“ nun zu einem Glanzlicht der Filmgeschichte erheben möchte, aber das was der Film macht, macht er auch richtig; er weiß Inhalt und Form gesund zu verknüpfen und zeigt, dass die Erzähltradition des new Hollywood der Siebziger nicht ganz vergessen ist. Die großen europäischen Produktionen sind häufig auch nicht einfallsreicher als der amerikanische Durchschnitt.

Kommen wir zur Wertung: „Operation Walküre“ ist bestimmt kein unvergessliches Filmkunstwerk, dazu hätte man Stellung zur Vergangenheit und Gesinnung der Verschwörer beziehen müssen, anstatt die Figuren einfach zu idealisierten Widerstandskämpfern zu machen; am meisten fehlt mir die Erarbeitung der Motivationen der Verschwörer, denn die schier übermenschliche Souveränität, die Stauffenberg in jeder noch so heiklen Situation an den Tag legt, lässt einem die Figur so seltsam fern erscheinen. Da ist kein Wanken und Zaudern zu sehen, doch wenn der Grund für solche Entschlossenheit fehlt, dann wirkt das Handeln nur noch vorprogrammiert, und unausweichlich geht der Graf einem Ende entgegen, als lenkte ihn eine fremde Macht und nicht sein Gewissen, dem er sich ja eigentlich verpflichtet fühlte.
So bleibt der Film ein handwerklich gelungener Thriller, historisch erweitert er den Horizont eines 16-jährigen Schülers aus Iowa und immerhin lässt er die weiteren Umstände so weit außen vor, dass man auf jeden Fall gezwungen ist, sich weiter zu informieren. Als Pluspunkt will ich das aber nicht wirklich werten.

Wer mit bestimmten Erwartungen in diesen Film geht, wird wahrscheinlich enttäuscht werden, für den unvoreingenommenen Betrachter, kann es sich aber zu einem spannenden Kinoabend entwickeln. Vor allem, da er klug und nüchtern erzählt ist und dazu auch noch gut aussieht, gibt es für den Film 7 von 10 Sternen.



Sehr empfehlen möchte ich noch ein Interview mit dem Historiker Peter Hoffman und den beiden Drehbuchautoren: klick

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Mein Kinobesuch liegt zwar schon anderthalb Wochen zurück, aber so eine Rezension dauert halt, vor allem wenn man immer nur kurz zum Schreiben kommt; ich hoffe es wirkt deshalb nicht zu abgehackt. Kritik wird gern ignoriert entgegengenommen.

Gruß,
Reksilat.
Zuletzt geändert von Reksilat am 10.03.2009, 01:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag04.02.2009, 20:17 - #2 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Schöne, ausführliche Kritik, werd' ihn mir wohl auch demnächst ansehen.
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Beitrag05.02.2009, 02:32 - #3 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Was mich stoert ist diese fehlerhafte Darstellung Stauffenbergs, der sowohl den NS als auch das Reich weiterfuehren wollte, der ungebildete Buerger glaubt es und Stauffenberg steht als Held da, was soll mit diesem Film ausgesagt werden? Nicht alle Deutschen waren Nazis? Stauffenberg schon, nur nicht realitaetsfern wie ein Hitler, der bis zum Schluss an einen Sieg glaubte.
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Beitrag05.02.2009, 08:23 - #4 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Auf KannKarate kann ich nicht eingehen, da ich den Film noch nicht gesehen habe. Erstmal gefaellt mir die Rezension aber gut! :T Hier ist der Film gerade erst heute rausgekommen, glaube ich, werde ihn mir bestimmt in den naechsten Tagen mal ansehen.
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Beitrag10.02.2009, 11:53 - #5 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Sehr gelungenes und nachvollziehbares Review!
Auf eine One-Man-Show und Heldenpathos habe ich -va. nach dem grauenvollen MI3- keine Lust. Tom Cruise kann ich leider dank Scientology beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Also Danke für die Warnung, Reksilat.

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Beitrag26.02.2009, 01:37 - #6 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Ich habe den Film nun auch gesehen...
Da kann ich nur sagen: Perfekt getroffen, Reksilat!
Konkret darzulegen, was man besser hätte machen können, ist schwierig. Schließlich sollte es ja keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm werden.
Der einfach zu findende Hauptkritikpunkt ist wie bereits erwähnt die wenig detallierte Darstellung der Verbindung der Protagonisten zum Nationalsozialismus und die fehlende Darstellung der Zukunftspläne.
Aber beides würde ja nicht isn Bild des Helden passen...
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Beitrag26.02.2009, 02:44 - #7 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Ich will ja Stauffenberg nicht schön reden; aber wieviel von seinen Vorstellungen über ein Deutschland nach Hitler ist denn überhaupt historisch belegt? Wollte er eine Diktatur weiterführen oder wollte er den Reichstag wieder einsetzen? Hatte er überhaupt konkrete Pläne außer der Beseitigung Hitlers?

Die nächsten Ziele waren ja wohl, den Krieg zu beenden mit möglichst kleinem Schaden. Ich kann mir nämlich vorstellen, daß darüber hinaus noch keine konktreten Pläne bestanden haben. Sicher hätte man erstmal die vorhandene Struktur beibehalten; schließlich kann man etwas Neues ja nicht einfach so aus dem Boden stampfen.

Bis zur Bundesrepublik hat es dann ja auch noch ein paar Jahre gebraucht.
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Beitrag27.02.2009, 07:17 - #8 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

@ Der Partisan

Ist deine Frage rhetorisch gemeint, oder möchtest du dich nicht kundig machen ... z.B. ganz einfach über Wikipedia? Die rassistischen und Nazivorstellungen des Grafen sind eindeutig belegt und seine Vorstellungen davon wie ein Staat auszusehehen habe: mit der feudalistischen Vorstellung von Klassen, wo jeder - der Adlige und der Tagelöhner - seinen von der Vorsehung bestimmten Platz einnimmt. (Pöbel vs. Adel.)

Ich finde - jenseits von der Diskussion um Filmisches - solche Machwerke höchst suspekt. Ein Held, der sicher keiner war, wird hochstilisiert zum verhinderten Weltretter und die Vorstellung vom Widerstand gegen die Nazis schnurrt auf solche Komissköpfe wie den Stauffenberg zusammen. Dabei werden die Abertausenden deutschen Sozis, Kommunisten, die in den KZs verreckten, standrechtlich erschossen wurden oder in der Vertreibung jämmerlich untergingen, völlig übersehen.
Der Typ des opportunistischen preußischen Offiziers paßt ja auch um so vieles besser zur kriegsgewinnlerischen Post-Nazi-Gesellschaft, die die BRD in der Hand behielt, bzw. das Dritte Reich fast nahtlos überführte.
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Beitrag27.02.2009, 12:32 - #9 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Klar war Stauffenberg ein Junker. :p

Und "Heldentum" ist generell ein schwieriges Pflaster. Außerdem war er ja nicht alleine "der Widerstand". Insofern ist es sowieso Spekulation, was geworden wäre. Natürlich ist der Dünkel unverkennbar. Immerhin hat er sein Leben eingesetzt und darüber war er sich klar.

Darum würde ich seine Tat auch nicht ins Gegenteil verkehren und sagen, daß er nur ein Terror-Regime durch ein anderes ersetzen wollte. Das wäre zu einfach argumentiert.

Ich glaube auch nicht, daß die Opfer des Nazi-Terrors übersehen werden. Wie das Herumnörgeln der jüngeren Generation am Holocaust zeigt, ist auch dieser Teil der Naziherrschaft schwer in das Bewußtsein der Menschen zu bringen. Das ist wohl der Grund, warum die Opfer nicht hinreichend gewürdigt werden. Ganz schlimm ist auch die "Verratsdiskussion" in diesem Zusammenhang.

Es bleibt schwierig. Vielleicht deswegen, weil das Volk versagt hat.
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Beitrag27.02.2009, 20:27 - #10 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Hmmm, ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass DIE Deutschen versagt haben. Verführt durch die kaiserlichen Preußen und Industrielle in den 1. Weltkrieg, terrorisiert vom Krieg, den Freikorptruppen, den Militärs, die putschten und gegen die Demokratie arbeiteten und schließlich den Straßenterror der SA und der offziellen Naziregierung hätte wohl jedes Volk "mitgemacht".
Das könnte man niemandem guten Gewissens vorwerfen.
Aber die Kreise, die am meisten für sich ausrechneten (Landgüter im Osten mit vielen Sklaven) und die willig bei der Ausrottung "minderen Lebens" mitmischten, waren es, die dann zum Schluß um ihre Privilegien fürchteten und gegen "Hitler" putschten, weil genau der es war, der ihre Träume vom reichen, adligen "Junkertum" gefährdete. Also genau die Gruppe um Stauffenberg fand plötzlich ihr "Gewissen" und versuchte, zu retten, was zu retten war. Und tat das dumm, eingebildet und weltfremd.

Auzsgerechnet denen, die die Misere willentlich herbeiführten und dann ihre Felle davonschwimmen sahen, ... ausgerechnet denen werden Heldenkränze geflochen und Denkmäler errichtet. Was für ein dummer Film!
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Beitrag28.02.2009, 04:59 - #11 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Wenn es ein Staatsstreich gewesen wäre, könnte man dem Volk vielleicht keinen Vorwurf machen. Leider war es nicht so wie die letzten Reichtags-Wahlen gezeigt haben.

Wenn man bedenkt, daß jetzt ehemalige Kinder aus Kinderheimen der Nachkriegszeit Klage über ihre unmenschliche Behandlung erheben und wenn jetzt erst deutlich wird, daß dort auch ehemalige SS-leute als Erzieher eingesetzt waren, sieht man das ganze Ausmaß der gesellschaftlichen Verwerfungen.

Deshalb hat es mich auch wütend gemacht, was man teilweise in dem anderen Board unbehelligt von Moderatoren schreiben konnte und kann. Dieses ekelhafte Relativieren und Kleinreden mancher Leute, die niemals dazulernen werden und wieder die alten Dummheiten verkünden macht traurig und fassungslos.
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Beitrag05.03.2009, 19:17 - #12 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Tolle Rezension, Reksilat!

Ich habe sie mir jetzt, nachdem ich mir Operation Walküre nun endlich angesehen habe, noch einmal durchgelesen und finde, dass Du die wesentlichen Aspekte des Films präzise beschrieben und die Besonderheiten gut hervorgehoben hast. Selbstverständlich ist Dir die Rezension auch in sprachlicher Hinsicht hervorragend gelungen und man merkt einfach, dass Du Ahnung vom Kino hast. Super gemacht!

Nun möchte ich auch mal ein paar Worte zum Film verlieren. Der Film hat auch mir ganz gut gefallen. Ich wüsste nicht, dass ich mich in den 120 Minuten der Spieldauer von Operation Walküre gelangweilt hätte, denn dafür macht der Film zu viel richtig, hat zu viele großartige Schauspieler zu bieten und hält den Zuschauer zu sehr bei der Stande, als dass man enttäuscht werden könnte, weil der Film einen nicht unterhalten hätte. Es ist einfach ein gute gemachter und bis zum Schluss spannender Film. Da Du bereits alle seine Stärken, die mir beim Anschauen auch aufgefallen sind, bereits genannt hast, möchte ich es nicht mit eigenen Worten wiederholen, sondern wende mich im nachfolgenden Teil des Textes nur den negativen Aspekten des Films zu.

Operation Walküre verfügt aus meiner Sicht nicht über die Tiefe, die in ihren Bann ziehende Dramaturgie und den künstlerischen Gehalts eines Schindlers Liste, Geh und sie, Sophie Scholl - Die letzten Tage, Der Untergang oder Der Pianist, welche für mich allesamt Musterbeispiele für großartige Filme sind und jene Zeit und ihre Schrecken auf ihre Weise glaubhaft porträtieren und sicherlich auch eine nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer ausüben.
Ich stelle mir die Frage, wie hoch die Messlatte bei Operation Walküre gelegt wurde und ob man überhaupt die Absicht hatte, einen Film zu machen, der nicht so schnell in Vergessenheit gerät und den man bspw. für Bildungszwecke in Schulen im Rahmen des Geschichtsunterrichts vorführen könnte. Leider bezweifle ich jedoch allen Ernstes, dass man hier etwas schaffen wollte, was über einen schlichten Thriller im Zweiten-Weltkrieg-Szenario hinausgehen sollte. Schade!
Witzig ist aber auch, dass in Deutschland bis heute eine Meinungsverschiedenheit darüber herrscht, ob man den Beteiligten des 20. Juli gedenken sollte und ob es richtig sei, ihnen als vaterlandsliebende Helden und Vorbilder zu gedenken, und die Leute aus Hollywood gehen her und sagen: Klar, wir werden uns sehr um einen authentischen Film bemühen und werden das Projekt mit größter Vorsicht und Achtung angehen (das habe ich jedenfalls im Vorfeld aus der Presse über die Dreharbeiten vernommen). Das Ergebnis ist jedoch - wie sollte es anders sein - ein unreflektierter Thriller nach klassisch amerikanischer Blockbuster-Kino-Manier.
Von Bryan Singer hätte ich da, vor allem aufgrund dessen, weil er Jude ist, mehr erwartet, aber scheinbar war ihm und den Produzenten das schnelle Geld wichtiger als einen anstandslosen Film abzuliefern. Und ich kann nur hoffen, dass sich die Amerikaner nicht gedacht haben, dass Deutschland womöglich Helden bräuchte und der Film darum die Verschwörer in ein besonders günstiges Licht rücken müsste, um das Image der damaligen Deutschen im Ausland ein wenig aufzupolieren. Man weiß ja nie, was in manchen Köpfen so alles vorgeht. ;)

Ich wünsche mir jedenfalls, dass gerade Filme über den Widerstand des deutschen Militärs mit besonderem Augenmerk auf die differenzierte Verarbeitung und Darstellung der historischen Tatsachen gemacht werden. Ein solches Thema wie das Attentat des 20. Juli in einem Unterhaltungsformat zu verarbeiten und nicht viel mehr als die wesentlichen Ereignisse in hübschen Bildern und mit reichlich brenzligen Situationen versehend zusammenzufassen, halte ich für unangemessen. Der Film geht leider viel zu unkritisch mit dem Thema und den Verschwörern um.
Das gleiche Problem liegt übrigens auch dem Stauffenbergfilm mit Sebastian Koch zugrunde. Beide Filme sind handwerklich und dramaturgisch solide gemacht (obwohl der mit Koch einiges hinzudichtet und die Planung mit dem Attentat noch mehr rafft), doch auch hier erfährt der Zuschauer nicht, was die Verschwörer nach der Machtergreifung vorhatten.
Hier hätte eine Charakterstudie her gemusst, welche all die Beteiligten unter die Lupe nimmt und damit dem Zuschauer zu verstehen ermöglicht, welcher Mensch sich hinter dem schillernden Namen Tresckow, Stauffenberg, Olbricht, von Haeften oder Goerdeler verbarg.
Man hätte die Gesinnung der Verschwörer und ihre Motive verdeutlichen müssen, anstelle eines kurzen kritischen Statements zum Krieg, den Verbrechen und zu Hitler, das einem durch die Off-Stimme Staufenbergs in den ersten Filmminuten mitgeteilt wird, die dann wiederum aber auch für den Rest der gesamten Verschwörergruppe als Motiv herhalten muss, weil man darüber hinaus nicht mehr viel über die Beweggründe der Männer erfährt. Stauffenberg hält zudem in seinem Statement fest, dass Hitler nicht nur der Feind der ganzen Welt, sondern auch Deutschlands sei, und darum bekämpft werden müsse. Das mag zwar richtig sein, aber warum sollte der Zuschauer dadurch mit den Verschwörern sympathisieren? Weil Operation Walküre ziemlich schnell die Sympathie für die Verschwörer aufbaut und bis zum Ende aufrechterhält. Gelingen tut dem Film dies nur aus einem Grund, nämlich weil man dem Zuschauer einiges vorenthält, was dieser zu einem persönliches Urteil jedoch unbedingt braucht. Und das kreide ich Operation Walküre sehr negativ an. Denn mal ehrlich: Was nützt es, wenn eine Verbrecherbande durch eine andere ersetzt wird? Ich finde, dass gerade eine differenzierte Darstellung der Protagonisten den Zuschauer nach dem Kinobesuch ermuntern würden, etwas im Internet, in Geschichtsbüchern oder in Biographien nachzulesen, weil der Film auf diese Weise eine Grundlage dafür schaffen würde, damit das Thema für den Zuschauer über die Spielzeit des Films hinaus interessant bleibt. Eine homogene Einstellung der an der Verschwörung Beteiligten lässt erst gar keine Recherchierlust aufkommen, weil sowieso alles klar zu sein scheint und wenig bis keine Neugierde entsteht, um sich noch weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Stattdessen regiert Eindimensionalität in der Charakterzeichnung, wofür aber die Schauspieler nichts können; nein, es liegt einfach am Drehbuch, an der Konzeption des Films und nicht zuletzt an der amerikanischen Strategie und Tradition des Filmemachens. Der Film sollte nur an der Oberfläche der historischen Realität kratzen, um eine Kulisse zu schaffen, und durch das Sich-Ausschweigen eine unproblematische Darstellung der Protagonisten ermöglichen, in der die Fronten geklärt sind und der Zuschauer Weiß von Schwarz leicht unterscheiden kann. Der Film sollte um jeden Preis massentauglich ausfallen und das internationale Publikum sollte sich nicht zu sehr mit komplexen Figuren auseinandersetzen müssen, weil die heutige Zeit Filme fordert, die gut zerkaut und schnell verdaut werden können. Denn auch im Filmgeschäft ist der Kunde König. Wie gut, dass es noch Ausnahmen gibt.

Ich für meinen Teil sah im Film lediglich bekehrte, kühne und sympathische Militärs, die heldenhaft unter Einsatz ihres Lebens in erster Linie Hitler aus dem Weg räumen wollten, um Deutschland vor einer totalen Zerstörung zu bewahren. Die Beseitigung der Despotenpolitik, der Vernichtungsmaschinerie und der Unehrenhaften Führung der Wehrmacht ist allerdings auch kurz angeklungen. Ohne Zweifel wird hier ein verklärendes Bild der historischen Tatsachen geschaffen, denn während einige sehr früh die Massenvernichtungen in den KZs, Erschießungen von Zivilisten und andere militärische Verbrechen missbilligten und auf ihre Weise versuchte, dagegen anzukämpfen, sind anderen erst zum Ende des Krieges die Augen aufgegangen oder sie hatten nur das Ziel einzig Deutschland vor dem Untergang zu retten. Das alles hätte genannt und die Unterschiede hätten aufgezeigt werden müssen! So erfährt man im Film gar nicht, wie z.B. Tresckow oder Stauffenberg zur Rassenpolitik standen und wie aktiv sie im Laufe ihrer Millitärkarriere an Verbrechen beteiligt waren. Auch ihre antidemokratische Einstellung wird einfach ausgeklammert. Sicherlich gibt es auch viele mutigen und erfreulichen Taten einiger Verschwörer zu verzeichnen, doch es gibt auch viel kompromittierendes Material über dieselbigen, was zumindest hätte angedeutet werden müssen, um keine falschen Eindrucke über die Männer zu erwecken.

Vielleicht ist bei dem einen oder anderen der Eindruck entstanden, als würde ich hier zu viel von einem Film verlangen und man könnte meinen, dass man diese Fülle an Informationen in einem Film, der seiner Natur nach zeitlich begrenze ist, nicht unterbringen könnte. Ich bin mir dessen bewusst und dennoch bin ich der Überzeugung, dass man alles das, was ich oben angesprochen habe, in den Film einbeziehen hätte können. Zumindest andeuten hätte man vieles davon, was komplett ausgeblieben ist. Dazu müsste man entweder die Schwerpunkte anders setzten und / oder den Film etwas verlängern. Als Alternative zur Überlänge hätte man auch einen Zweiteiler machen können, was heutzutage nicht ganz so unüblich ist (siehe als Beispiel den Soderbergh-Zweiteiler über Che Guevara oder Kill Bill). Alles ist hier meiner Meinung nach möglich, wenn man es nur gewollt hätte.
Ich denke, dass aus Operation Walküre ein deutlich besser Film geworden wäre, wenn man nur versucht hätte, viel mehr die psychologische Seite der am Attentat beteiligter Personen zu beleuchten und die Pläne für die Zeit nach dem Attentat offen zu legen. Ohne Zweifel würde der Film dadurch an der notwendigen Tiefe gewinne, was ihn zugleich auch interessanter gemacht hätte. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf einer filmischen Umsetzung, der Planung und ihrer Durchführung.
Ich bin da übrigens ganz Deiner Meinung, Reksilat, dass ein Kammerspiel dem Film deutlich besser zu Gesicht stünde, zumindest wenn der Großteil des Film auf diese Weise gedreht worden wäre.

Summa summarum wird Operation Walküre aus meiner Sicht den Ansprüchen, die die historischen Ereignisse an sich stellen, nicht gerecht, ich betone aber trotzdem gerne wieder, dass er trotz aller von mir geäußerten Kritik ziemlich gut unterhält. Darum gibt es auch von mir für den Film 7/10 Punken.

Reksilat hat geschrieben:Genug der Vorstellung, es folgen Luftangriffe, ein paar Panzer brennen, Autos kippen um und Stauffenberg verliert Auge, Hand und noch drei Finger.

Es waren zwei Finger. :)


Gruß anZen
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Beitrag10.03.2009, 01:01 - #13 Re: [Filmkritik] Operation Walküre

Zuerst einmal möchte ich mich bei Euch für die zahlreichen und auch so positiven Rückmeldungen bedanken, das motiviert natürlich ungemein und wird wahrscheinlich auch weitere Kritiken zur Folge haben. Besonderer Dank auch nochmal an Dich, anZen, für die gelungene Erarbeitung der vielen Kritikpunkte – etwas womit ich mich selbst immer etwas schwer tue, da ich einen Film nur ungern dafür kritisiere, was er nicht zeigt. Bei diesem Sujet ist das aber vollkommen legitim und wichtig.
Mittlerweile habe ich mir auch endlich mal den Film von Jo Baier angesehen und war ehrlich gesagt enttäuscht. Die historische Aufarbeitung ist um keinen Deut besser und das übertriebene Pathos samt grauenhafter Musik kommt diesmal eher aus eigenen Landen. Ein wenig werde ich auch dazu noch sagen.

In Bezug auf die weiteren Pläne der Verschwörer kann ich Euch im großen und ganzen zustimmen, sie fehlen in beiden Verfilmungen und das ist vielleicht nur deshalb nicht so eklatant, da man ja sowieso weiß, dass es nicht soweit kommen wird. Trotzdem wäre dies ein Punkt gewesen, an dem man als Filmemacher Mut zeigen kann, vor allem, da sich hier endlich Konfliktpotenzial im Kreise der Verschwörer gefunden hätte. Die einhellige Meinung „Hitler muss weg!“ bietet halt keine echte Diskussionsgrundlage.

Die Einwände gegen die mangelhafte Auseinandersetzung mit Stauffenbergs Vergangenheit sind natürlich ebenfalls nachvollziehbar, nur kann man meiner Meinung nach von Hollywood schlecht verlangen, dass sie ein sehr zwiespältiges Thema der deutschen Vergangenheit aufarbeiten, mit dem wir selbst genug Probleme haben. Konsequenterweise hätten sie dann gar keinen Film machen dürfen, denn ich glaube nicht daran, dass eine umfassende Charakterisierung Stauffenbergs in diesem Film Platz gefunden hätte.
Natürlich lässt sich etwas andeuten, wie z.B. im Jo-Baier-Film, an dessen Anfang Stauffenberg in der Oper zu sehen ist und seiner Verlobten - im Rausch von Hitlers Anwesenheit und der Wagnermusik - einen Antrag macht. Später begegnet er in Weißrussland einem Kriegsopfer, das davon erzählt, wie deutsche Einsatzgruppen sein Dorf dem Erdboden gleichmachten - der Zeitpunkt, an dem er endgültig zur Abkehr von Hitler überzeugt wird (beide Szenen sind fiktiv). Zur Beschreibung der Persönlichkeit mag das ein wenig beitragen, wirklich bedeutsam wird es aber nicht, denn die Figur ist auch im deutschen Film moralisch einwandfrei und alles was vorher war bleibt unerwähnt.
Was hätte man nun tun können? Soll Stauffenberg zu Beginn nationalsozialistische Reden schwingen, dreckige Witze reißen, Juden durch die Straßen prügeln? Dann wird es in meinen Augen schwer die Figur zum positiven Helden zu entwickeln. Man stelle sich nur mal vor, wie einem eine halbe Stunde ein überzeugter Anhänger der Rassenlehre vorgeführt wird, mit allem was dazugehört. Den will man danach noch sehen, wie er Deutschland zu retten versucht? Ich möchte das bezweifeln, denn eine Identifikationsfigur braucht der Film nunmal. Sicher, es gibt genügend Beispiele, bei denen der Protagonist sich im Verlauf der Handlung wandeln darf, nur benötigt auch das seine Zeit und das eigentliche Anliegen, eine spannende und komplexe Geschichte über ein Hitlerattentat inmitten des zweiten Weltkriegs zu erzählen, rückt in weite Ferne.
Noch bedeutsamer scheint mir hier der Punkt, dass man so den ganzen Erzählrhythmus verändern würde: aus der Jahre umspannenden Entwicklung würde plötzlich eine gedrängte Erzählung, beinahe in Echtzeit. Was, würde ich mich beim sehen fragen, hat hier das eine mit dem anderen zu tun? Es gibt keinen inhaltlichen Bezug zwischen Stauffenbergs Nazivergangenheit und dem Attentat, wichtig sind einzig die Beweggründe, aber wie gesagt wurden auch die unglücklicherweise in keinem der beiden Filme überzeugend herausgearbeitet.

Auch viel mehr Zeit oder ein Zweiteiler würde hier meiner Meinung nach nicht weiterhelfen. Klar ist mehr Zeit gut, die 120 Minuten, die Bryan Singer zur Verfügung hat, merkt man dem Film im Vergleich zu Jo Baiers Werk an, denn dieses unselige 90-Minuten-Korsett, das die deutschen Produktionen immer wieder umschnürt, bringt auch hier nur Hektik hinein und lässt es nicht mal zu, die Planungen und Hintermänner auch nur ansatzweise zu erwähnen.
Wenn ich mir jetzt aber vorzustellen versuche, wie Operation Walküre aussehen würde, wenn man im ersten Teil die Wandlung vom überzeugten Nazi zum Gegner Hitlers und im zweiten Teil die Durchführung des Attentats und die Machtübernahme zeigen würde, so sehe ich einfach keinen konsistenten Film vor mir.

Nun ja, verbieten kann man den Amis letztlich nichts und eine kritische Auseinandersetzung habe ich auch nicht wirklich erwartet – für den mündigen Kinogänger sollte das normalerweise kein Problem darstellen.
Einen Lehrfilm für deutsche Klassenzimmer müssen wir nun doch selbst produzieren. Nachdem der letzte Versuch aber erst fünf Jahre zurückliegt, werden wir uns bis zum nächsten wohl noch etwas gedulden müssen, oder eben mal in älteren Werken herumschnüffeln.

Gruß,
Reksilat.

anZen hat geschrieben:Es waren zwei Finger.

Hoplla! Aber noch schlimmer wiegt meiner Meinung nach, dass ich aus Bryan Singer einen Brian gemacht habe. Wird korrigiert.
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