Vor Kurzem hab ich beschlossen, den Bestseller "Der Vorleser" zu lesen. Aufgrund der eher mageren Seitenzahl bin ich dann auch sehr schnell durchgekommen. Um nun keinem, der das Buch noch lesen möchte, das Ende vorwegzunehmen, spoile ich mal meine frage...
Spoiler:
Was meint ihr, warum hat Hanna am Ende Suizid begangen? Ihrem Gnadengesuch ist ja stattgegeben worden und außerdem hat sie das erste mal seit Langem den Protagonisten wieder getroffen. Hat sie wohl nur auf ein einmaliges Wiedersehen mit Michael Berg gehofft und war nach der Erfüllung des Wunsches gewillt zu sterben?Ich weiß es nicht. Schreibt, was ihr denkt
Des Weiteren möchte ich auch anregen, generelle Meinungen/Gedanken, die das Buch betreffen, zu präsentieren.
Ich denke, dass Hanna Suizid begangen hat, weil sie sich selbst als Fremdkörper in der Welt ansieht. Es sind zwar so viele Jahre nach 1944 vergangen und sie hat ihre gesetzlich festgelegte Strafe abgesessen, aber seelisch scheint sie immer noch "gefangen" zu sein. Vielleicht war das Treffen mit Michael nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat und vielleicht hat Michael durch sein Verhalten bzw. die Diskussion Hanna zum Suizid gebracht. Michael hat ihr zwar all die Jahre immer wieder Kassetten mit berühmten literarischen Werken ins Gefängnis geschickt, aber als er sie an ihrem vorletzten Tag traf, schien sie ihn nicht mehr wieder zuerkennen. Ihre damalige Konstante im Leben ist weggefallen, Michael hat sein eigenes Leben, ohne Hanna im Mittelpunkt, aufgebaut. Was aber Hanna nicht wusste war, dass Michael nie über sie hinweg kam und sein ganzes Leben lang eine starke Abhängigkeit von ihr verspürte.
Zuletzt geändert von gedankenflut am 12.03.2009, 18:01, insgesamt 1-mal geändert.
One day your life will flash before your eyes. Make sure it is worth watching!
Ich habe das Buch vor circa einem Jahr im Deutschunterricht gelesen, allerdings haben wir dort nicht lange drüber gesprochen. Meine Interpretation geht in die Richtung von gedankenflut.
Spoiler:
Durch ihre Legasthenie fühlte sich Hannah schon immer fremd in dieser Welt. Michael war für sie während ihrer Beziehung wie eine Art Kontaktperson zu einer Welt, die sie nie voll und ganz verstehen konnte. Während ihrer Haftstrafe ist sie nicht nur emotional, sondern tatsächlich von der Außenwelt abgetrennt. Mit Michaels Hilfe erlernt sie den "Zugang" zu den Büchern, hat jedoch den eigentlichen Kontakt zu Michael verloren, der ihr keine Briefe sondern bloß besprochene Kassetten zusendet. Als sie ihn kurz vor ihrer Entlassung schließlich wieder trifft, bemerkt sie, wie fremd sie sich geworden sind. Ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut, sie sagt jedoch in etwa 'Groß bist du geworden' oder so ähnlich. Emotional wirkt es auf sie so, als habe Michael in seiner Welt keinen Platz für sie und die frühere Konstante in ihrem Leben, das Vorlesen, ist nun schließlich auch weggefallen, natürlich auch durch ihre Bemühungen. Hannah wird schließlich klar, dass es in dieser Welt nichts mehr für sie gibt. Alle früheren Konstanten, die ihr Leben ausmachten, sind verschwunden. Sie nimmt sich schließlich das Leben, um der Leere, die sie befürchtet, zu entgehen. Tragisch-ironisch ist natürlich, wie gedankenflut auch schon anmerkte, dass sie nie wirklich wusste, wie sehr sie Michaels Leben tatsächlich beeinflusste. Offen bleibt die Frage, ob sie den Selbstmord auch begangen hätte, wenn sie gewusst hätte, wie Michael zu ihr steht.