cite and writeLangfassung
Hallo FreiBriefler!
(1) Ich habe in Foren schon mehrfach ein Problem wahrgenommen, dem ich jetzt den Namen "Cite and Write" gegeben habe. Dieses Problem führte mich zu FreiBrief, denn aus "Cite and Write" resultieren mehrere Probleme, mit denen Diskussionsforen konfrontiert sind. Ich halte "Cite and Write" für das größte Problem von Foren, da es mehrere unangenehmer Folgen hat. Heute habe ich aufgrund einer Beobachtung auch FreiBrief genauer auf dieses Problem untersucht. Das Ergebnis ist, daß es hier ebenfalls auftritt; wenngleich in einer viel unscheinbareren, aber dadurch nicht minder tückischen Form. Ich möchte im Folgenden zuerst etwas erläutern, was ich mit "cite and write" meine. Anschließend werde ich argumentieren, welche anderen Schwierigkeiten daraus für Foren folgen. Abschließend möchte ich Thesen formulieren, mit denen sich diesem Problem begegnen läßt.
(2) Dabei möchte ich aber keine konkreten Beispiele anführen, um eine sachliche und theoretische Diskussion zu ermöglichen. Ich möchte vermeiden, daß jemand konkret betroffen ist, sondern lieber erreichen, daß sich alle abstrakt angesprochen fühlen; sofern an meiner Überlegung etwas dran ist. Das Thema ist hier nicht das Zerrupfen einzelner FreiBrief-Beiträge, sondern "ein Kommunikationsproblem in Internetforen". Daher steht es auch ganz bewußt in "Netzwelt" und nicht in "Feedback". Grundsätzlich möchte einleitend noch erwähnen, daß ich selbst sicher auch schon in die "cite and write"-Falle getappt bin.
Was heißt "Cite and Write"?(3) Ich meine hiermit, daß die Zitierfunktion, wie sie in Foren üblich ist, systemtisch dazu verführt, einen Beitrag nicht richtig zu lesen und zu verstehen. Stattdessen, einen Satz zu zitieren, und etwas zu diesem Zitat zu schreiben. Betonen möchte ich, daß ich nicht die Zitierfunktion als solche kritisieren möchte, sondern die Art und Weise in der mit ihr umgegangen wird. Der Zitierfunktion selbst laste ich lediglich an, daß sie zu diesem Umgang mit ihr motiviert; diesen aber keinesfalls notwendigerweise erzwingt.
(4) Je nach dem Niveau eines Forums geschieht das in einem Beitrag, der ganze Sätze kennt; im Extremfall werden nur noch Satzteile hin und her zitiert. Als Leser wird es dann schon nahezu unmöglich herauszufinden, worüber überhaupt gesprochen wird. Ich habe schon erlebt, daß es mir nicht gelang herauszufinden, was für ein Aspekt des Themas hier diskutiert wird. Ein Extremfall war eine Diskussion zum Thema "Beweise über die Existenz Gottes". Es wurde dort so wenig argumentiert und erklärt, daß ich erst durch langes Zurückblättern und nachgucken herausfand, wer von den beiden Disputanten an Gott glaubt und wer nicht! (Wer jetzt lacht erlebt Realsatire. Das ist wirklich passiert. Für FreiBriefler zum Glück schwer vorstellbar.)
Experiment(5) Ich habe mit dieser Beobachtung bereits in zwei verschiedenen anderen Foren experimentiert. Im Ergebnis gelang es, daß ich mir die Meinung und Begründung meines Gegenüber selbst zusammengereimt habe; denn erklärt hat mein Gegenüber sie mir mit den kurzen "Writes" unter den "Cites" nicht. - Ich machte mich dann in beiden Fällen auf, die Argumentation meines Gegenüber darzustellen und sie auch tatsächlich zu erklären. Das Ergebnis war in beiden Fällen absolut identisch. Mein Gegenüber zitierte meine Erklärung seiner Position und setzte ein "ja", "genau" oder "richtig" darunter. - Daß ich keine Lust habe, in einem Forum über Texten zu grübeln und mich zu fragen, was der andere damit meinen könnte, führte mich letztlich auf FreiBrief.
Folgeprobleme(6) Aus "cite and write" folgen mehrere für Foren schwerwiegende Probleme, die natürlich von Forum zu Forum verschieden sind. Im Extremfall führt es dazu, daß die Disputanten sich gar nicht verstehen. Das ist ja auch kein Wunder, wenn jeder den Text nur überfliegt und ohne genauer nachzudenken nur flink "cite and write" macht. Das gegenseitige Unverständnis gipfelt schließlich darin, daß das Niveau auf den wechselseitigen Vorwurf absinkt, daß man sich Unverständnis, Dummheit etc vorwirft. Daß Mißverständnisse in einem Flaming enden, das keinen mehr interessiert, und die Beteiligten sich nur gegenseitig annerven, ist wohl auch das größte Problem, das Foren haben. - Ich meine, daß man das auch, wenngleich nicht ausschließlich, auf "cite and write" zurückführen kann.
(7) Diskussionen können dadurch Off-Topic geraten: Jemand gibt ein Beispiel oder eine Analogie, um seine Meinung zum Thema zu erläutern. Der Antwortende erkennt nicht, was der andere ihm mit diesem Beispiel eigentlich erklären wollte. Er zitiert es statt dessen und schreibt ohne Bezug zu der Erklärung, die jene Analogie eigentlich geben wollte, gegen dieselbe an. Darauf reagiert dann ein Dritter, der nicht sieht, wie es zu der zweiten Äußerung kam. Plötzlich sind dann die Argumente, die vorgetragen werden, so fern vom Thema, daß man sie der Frage des Threads nicht mehr zuordnen kann.
(8) In der schwächsten Form trifft dieses Problem, wie ich meine beobachtet zu haben, auch auf FreiBrief zu. Hier wird zwar umfangreicher und klüger geantwortet, indem die Antwort aus ganzen Sätzen besteht und argumentiert. Nur hilft das nicht wirklich weiter, wenn die Antwort ein Problem in einem Zitat erkennt, das dort gar nicht vorhanden war. (Diesen Fall habe ich hier auf FreiBrief bereits beobachtet und meine Vermutung wurde mir per PN bestätigt.) Der Fall war hier, daß jemand aus einem Post A knapp zitierte und dazu seinen Post B geschrieben hat. Auf diesen Kommentar wurde von einem dritten in Post C geantwortet und dabei aber der Bezug von B auf A völlig vergessen. So bekam Post B in den Augen von C eine völlig andere und äußerst kritikwürdige Bedeutung. So geschah, daß der Verfasser von C mit engagierter Kritik völlig am Ziel vorbeischoß.
(9) Ich meine, daß ich dieses Phänomen strukturell bisher in zwei Formen gesehen habe: Erstens, wenn in einem Text eine Frage vorkommt, verleitet die Frage dazu (das erscheint auf den ersten Blick auch ganz vernünftig), daß man sie beantwortet. Nur wird die Antwort ungereimt, wenn man sie beantwortet ohne sie im Kontext des Threads auch zu verstehen. Besonders rethorische Fragen werfen naturgemäß dieses Problem auf, denn sie sind Teil eines Arguments. Isoliert auf eine solche zu antworten kann zu einer schönen Antwort führen, die das gemachte Argument völlig unberücksichtigt läßt. Zweitens kann es passieren, daß jemand relativ kurz auf ein ein prägnant gewähltes und dadurch auch kurzes Zitat (fullquotes sind keine Lösung) antwortet. Antwortet dann jemand auf diesen Kommentar, dann kann ihm der Kontext des allerersten Zitats bereits verloren gegangen sein und die Antwort gerät ins Off, so daß der Zitierte erstmal erklären muß, worauf er sich bezog, usw.
Strategie zur VermeidungParaphrase statt Zitat(10) Die einzige grundsätzliche Strategie, die mir dazu einfällt heißt:
Paraphrase statt Zitat. Ich meinte damit, daß man nicht ein Zitat macht und dazu eine Antwort schreibt, sondern den Text, auf den man sich beziehen möchte, selbst paraphrasiert. - Dies zwingt erstens dazu, daß man das verstanden hat, worauf man antworten möchte. Dadurch werden schon überflüssige Mißverständnisse von vornherein vermieden. Weiter hat dadurch derjenige, der paraphrasiert wird, die Möglichkeit, ein Mißverständnis zu erkennen. Er muß sich dann nicht mehr erst zusammenreimen, ob der Antworter ihm eine andere Position erklärt, die er nicht direkt versteht, oder schlicht etwas falsch verstanden oder den Bezug aus den Augen verloren hat.
Link auf zitierten Beitrag(11) Verbesserungen, aber keine Lösung, lassen sich vielleicht auch schon damit erreichen, daß es die Möglichkeit gibt auf ein Zitat zu klicken, um über diesen Link zum entsprechenden kompletten Beitrag geführt zu werden. Das würde es einem Antworter erleichtern, den Bezug und Kontext einzusehen, den der Kommentar zu einem Zitat hat, welchen er wiederum kommentieren möchte.
Diskussionskultur - Inhalt(12) Nicht zuletzt finde ich wichtig, durch gründliches Lesen und Verstehenwollen solche Probleme zu vermeiden. Solche Mißverständnisse entsprechen zwar der üblichen Foren-Kultur, aber ich bin mir sicher, daß auf FreiBrief alle bemüht sind, eine andere und vor allem bessere Kultur zu etablieren. - Das verlangt vor allem, daß man sich bemüht, entsprechend dieser Maxime zu schreiben; denn nur so kann sich auf FreiBrief eine andere Diskussions-Kultur etablieren als sie in Foren gemeinhin üblich ist.
(13) Ich denke, daß der Ansatz dafür auf FreiBrief insgesamt vorhanden ist. Man spürt zwischen den Worten, daß hier eigentlich alle mehr wollen als Forengelaber. Das braucht aber niemanden davon abzuhalten, es noch weiter zu verbessern; und damit vor allem für die Zukunft einen Grundstein für ein nicht nur sehr gutes, sondern außergewöhnlich gutes Forum zu legen. - Hierzu zählt natürlich auch die aktive und soweit erfolgreiche Verhinderung von Flameing und ein insgesamt gesitteter und respektvoller Ton.
Diskussionskultur - Form(14) Absätze strukturieren den Text und erleichtern dem Leser zu verstehen, was man ihm sagen will. Insofern verhindert eine gute Strukturierung, daß jemand etwas mißversteht. Einzelne Sätze als Absatz sind wenig hilfreich. Ich würde dafür plädieren, daß wir auf eine solche Struktur wert legen. Absätze, die aus einem Satz bestehen und sinnfreie Zeilenschaltung machen Texte nicht verständlicher und nötigen den Leser, die Zusammenhänge selbst herzustellen. Das ist aber Aufgabe des Schreibers. Gut gesetzte Absätze machen klar, was ein Gedanke ist. Dadurch wird verhindert, daß mißverständlich ein einzelner Satz aus einem Absatz zitiert wird und der Kommentar an dem Gedanken des Absatzes vorbei geht.
(15) Unter "sinnfreier Zeilenschaltung" verstehe ich folgendes: Jemand schreibt in Absätzen, die durch eine Freizeile getrennt sind. Innerhalb dieser Absätze aber zerstückelt er weiter, indem er Sätze durch eine Zeilenschaltung trennt. Was damit für den inhaltlichen Zusammenhang angedeutet werden soll, ist oft völlig schleierhaft. Ich finde, daß hierdurch die Lesbarkeit beeinträchtigt wird und daß damit auch "cite and write" motiviert wird. Denn wenn nicht optisch schon klar ist, was zusammengehört und zuhängend gelesen und verstanden werden muß, liegt es näher das zu zitieren und zu kommentieren, was man mißverstanden hat.
(16) Unter diese Unterüberschrift gehört auch diese Idee: Um das zitieren jenseits von "cite and write" zu vereinfachen, könnte man die Posts und eventuell auch die Absätze in den Posts (automatisch) numerieren. Gut fände ich, in einem Post einfach zu schreiben "[cite=UserX, 3, 5]" und dadurch im Post den Text (Vgl. UserX, 3, 5.) zu erhalten, wobei ein Klick auf den Text mich direkt zu dem zitierten Post führt. Ich habe in diesem langen Eröffnungspost zum Test einfach mal die Absätze durchnummeriert. Vielleicht trifft dieser Zitiervorschlag in Bezug auf meinen Eingangspost direkt auf Gefallen.
FragenGibt es Fragen zu meinen Ausführungen oder Unklarheiten, die ich zuerst beseitigen könnte?
Seht ihr das Problem auch als ein grundsätzliches Problem der Kommunikation in Foren an und könnt ihr dem Problem als solchem zustimmen?
Fallen Euch eine andere Strategien zur Vermeidung der "cite and wirte"-Falle ein?
Lieben Gruß
frechBengel
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